Autor Thema:  Kartonmodelle umgestalten - eine kleine Anleitung für Einsteiger  (Gelesen 5990 mal)

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Bernd B.

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Kartonmodellen hängt der Ruf nach, dass man sie entweder nur mit grossem Geschick und Talent oder gar nicht umgestalten kann - ein Plastikmodellbauer dagegen tröpfelt einfach etwas andere Farbe in die Spritzpistole und graviert hier und da Details nach. Karton ist fertig gedruckt.

Aus die Maus.

Alles Legende.

Mit dem richtigen Werkzeug bekommt man auch mit normalem Geschick und Talent, vor allem aber mit Geduld und Spucke, ein Kartonmodell in die gewünschte Variante. Und was noch besser ist - man muss noch nicht einmal beim Originalmodell chirurgisch eingreifen. Wo der Plastiker endgültig zerstört, schafft der Kartonist zerstörungsfrei Neues.

Was benötigt man dazu?

Nur die folgenden Dinge:
 - Eine digitale Version eines Kartonmodellbogens,
 - ein Bildbearbeitungsprogramm,
 - einen Drucker.

Für diesen kleinen Exkurs habe ich mir ein uraltes Modell eines "Sanitäts-Kraftwagen" ausgesucht, das der Verlag Schneider Anfang des XX. Jahrhunderts vertrieb:



Das Modell war lange Zeit als kostenloser Download auf einer einschlägigen Webseite erhältlich und unterliegt m.W. nicht mehr dem Urheberrecht - dennoch hier mit Kopierschutz versehen.

Als Bildbearbeitungsprogramm nutze ich das kostenlose GNU Image Manipulation Program (kurz GIMP genannt) - eine Art "Photoshop für Sparsame".
« Letzte Änderung: 27. Dezember 2011, 13:27:11 von Bernd B. »

Bernd B.

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Schritt 1 - "Entlacken"
« Antwort #1 am: 27. Dezember 2011, 11:21:48 »
Greift der Hans zum Dowanol, wird's dem Plastik richtig wohl ... ich dagegen lade die Vorlage in GIMP ein und beginne, die wichtigsten Karosseriebereiche zu "entlacken":



Dazu definiert man die zu behandelnden Flächen mit dem Auswahl-Werkzeug - bei sehr guten Vorlagen ohne Moiree-Effekt kann man gerne den "Zauberstab" nutzen, ansonsten die etwas weniger flinke Methode über Kästen, Rundformen oder (sehr flexibel) das Lasso-Werkzeug.

Ist die Fläche ausgewählt, bekommt sie eine Farbfüllung in Reinweiss.

Im Prinzip wird also nicht "entlackt", sondern "überlackiert". Im Endergebnis dasselbe, die Flächen haben keine Farbpixel mehr.

Eine reine Geduldsaufgabe und je nach Qualität und Komplexität des Modells eventuell eine Arbeit für jene, die Mutter und Vater erschlagen haben. Man sollte aber konsequent alles "entlacken", was man wirklich umfärben will (oder muss), damit schafft man ein blütenreines Musterstück (von Kartonisten auch "Weissmodell" genannt). Dieses kann man dann später für mehrere Varianten nutzen ...

Nach einiger Zeit sieht der Bogen dann wie folgt aus:



Ich habe bewusst ein recht "grobes" Weissmodell geschaffen, um den Charme des rund hundert Jahre alten Bogens etwas zu erhalten.

Zeit für eine Analyse ...

Bernd B.

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Schritt 2 - Fehlersuche
« Antwort #2 am: 27. Dezember 2011, 11:23:12 »
Liegt der Kartonmodellbogen erst einmal jungfräulich vor dem Modellbauer, geht die Suche nach Fehlern oder "verbesserungswürdigen Stellen" schneller von der Hand. Bei dem Sanitäts-Kraftwagen will ich gerne Fünfe gerade sein lassen ... aber einiges sticht ins Auge:



Motorhaube und Kühler sind ... eine Kiste in grober Form, aber ohne die wichtigsten Details. Es fehlt jede Art von Belüftung, ein Kühlergrill und auch eine Beleuchtung. Das geht so nicht. Optisch und technisch nicht.



Die Trennwand zwischen Fahrerraum und Krankenraum ist ... blank.



Die Seitentritte sind so rutschgefährdet, dass es jeder UVV spottet. Und es sieht auch nicht schön aus.



Das sollen Räder und Reifen sein? Vor allem das Profil fehlt ...



Der hintere Karosserieabschluss ist schlicht ein Witz, es fehlt jedes Detail. Nicht nur optisch schlicht, sondern auch schlicht Unsinn.



Und wenn ich schon am Meckern bin ... an der Karosserie kann man auch noch virtuell feilen ...

Los geht's!

Bernd B.

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Schritt 3 - Es wird Kühler!
« Antwort #3 am: 27. Dezember 2011, 11:24:09 »
Beginnen wir mit dem Kühler und der Motorhaube ... ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte (sagt man), also hier:



Die einzelnen Schritte:

1 - Der Kühlergrill wird kopiert und mit dem Zeichenstift detailliert - eine Umrandung und ein "Firmenzeichen" werden hinzugefügt.

2 - Aus einem kopierten "Rotkreuzzeichen" wird ein Scheinwerfer. Das Glas wird durch verschiedene Grautöne simuliert, bewusst einfach gehalten.

3 - Kopieren, einfügen - das Ganze wird mehr als die Summe der Teile. Der neue Kühlergrill hat Lampen (die "goldenen" Aussenkreise werden zurückggefaltet und mit dem "Scheinwerfer" als Rückseite verklebt). Und die graue Mitte wird ausgeschnitten.

4 - Die schrägen Teile der Motorhaube bekommen Lüftungslamellen, einfache schwarze Linien mit einer kürzeren, dunkelgrauen Linie daneben.

5 - Der Kühlergrill wd ähnlich gestaltet - ich habe ein Linienmuster (jeweils 1 Pixel Weiss, Hellgrau, Dunkelgrau, Schwarz) genommen und dann die gesamte Fläche mit einem "Goldton" überlegt, bei rund 60% Deckkraft. "Preshading" für Kartonisten ...
« Letzte Änderung: 27. Dezember 2011, 13:28:47 von Bernd B. »

Bernd B.

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Schritt 4 - Setz Dich, Sani!
« Antwort #4 am: 27. Dezember 2011, 11:25:16 »
Ab zur Trennwand - die natürlich nur sichtbar wird, wenn der geneigte Kartonist die Windschutzscheibe und die Seitenfenster entfernt. Muss nicht sein, sieht aber besser aus.
Verglasung? Kann man, muss man nicht.

Future? Will ick bohnern oda watt?



Wie man recht gut sehen kann, wurde erstmal das viel zu grosse Fenster verkleinert - das Original einfach per Ausschnitt entfernen, dann als neues Element einfügen, skalieren und an eine passende Position bringen.

Danach wird eine Sitzbank simuliert - 1 Pixel Schwarz, gerahmt von jeweils 1 Pixel Grau, dazwischen rund 8 Pixel Weiss, das Ganze dann mit "Lederbraun" bei 60% Deckkraft überlegt. Passt schon ...

Bernd B.

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Schritt 5 - Rutschgefahr!
« Antwort #5 am: 27. Dezember 2011, 11:26:15 »

Ein Detail, das Freude macht ...



Sicher retten? Nur mit Gummi! Die seitlichen Trittstufen bekommen Belag. Ist ganz einfach - dunkelgraue oder schwarze Fläche mit hellgrauer ("silberner") Umrandung. Frei nach Schnauze. Wie so vieles bei diesem "Sankra".

Bernd B.

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Schritt 6 - Räder müssen (nicht) rollen ...
« Antwort #6 am: 27. Dezember 2011, 11:27:16 »
Drei Schritte zum Glück:



1 - Ein brauchbares Rad und einen guten "Reifen" kopieren", dann ...

2 - die Reifenseiten und die Lauffläche mit Dunkelgrau einfärben und

3 - ein Profil in Schwarz andeuten.

Detailfanatikern wird auffallen, dass ich die Lauffläche verlängert habe - lieber etwas abschneiden, als nachher doof dastehen. Und warum unten gleich fünf Radsätze? Reserverad für mögliche Umbauten.

Bernd B.

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Schritt 7 - Wo gahd's denn nei?
« Antwort #7 am: 27. Dezember 2011, 11:28:17 »
Selbst in Zeiten des grössten Kostensparens war ein Krankenwagen ohne Hecktüren in etwa so sinnvoll wie ein Blaulicht ohne Birne - von einigen "Seitenbeladern" mit Miesen-Patent einmal abgesehen. Und die blanke Rückwand des Sankra ist der blanke Wahnsinn ... in mehrfacher Hinsicht:



1 - Fehleranalyse: Keine Türen, ein mittiges Fenster, keine Neutralitätsmarkierungen. Gebt mir fünf Minuten.

2 - Das Fenster wird (wie weiter oben beschrieben) ausgeschnitten, eingefügt, skaliert und zurechtgerückt. Dann wird ein Duplikat erstellt, eingefügt, gespiegelt und zurechtgerückt. Vier Linien deuten die Türen an.

3 - dazu kommen noch einige Details, nämlich die Markierungen und zwei gülden glänzende Türgriffe.

Nun macht's Sinn!

Bernd B.

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Schritt 8 - Aufbauwerk
« Antwort #8 am: 27. Dezember 2011, 11:29:17 »
Nun noch schnell einige Details an den Aufbau ...



Ergänzt wurden vier Türgriffe (kopiert von der Rückwand) und eine kleine "Dachkante" komplett mit einem Emblem. Damit sieht der Wagen einfach netter aus, und der Genfer Konvention ist auch Genüge getan.

Anmerkung ... die Dachkante ist hier noch nicht korrigiert ... siehe Korrektur unten!
« Letzte Änderung: 28. Dezember 2011, 11:50:54 von Bernd B. »

Bernd B.

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Schritt 9 - Aus einem Guss ...
« Antwort #9 am: 27. Dezember 2011, 11:30:30 »
Damit man das Modell kostengünstig ausdrucken kann, einfach alle neuen Teile auf die Vorlage kopieren.



Schön ist anders, aber praktisch ist es. Und nun können wir mit unserem Weissmodell und dem Grafikprogramm loslegen. Aber dazu später mehr ...

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Re: Kartonmodelle umgestalten - eine kleine Anleitung für Einsteiger
« Antwort #10 am: 27. Dezember 2011, 11:56:03 »
Schöne Anleitung Bernd :winken:

„Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meinte.“ Alan Greenspan

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Re: Kartonmodelle umgestalten - eine kleine Anleitung für Einsteiger
« Antwort #11 am: 27. Dezember 2011, 18:47:59 »
Bernd,

erste Sahne!  :P :P

Gruß,

Marc

Thorsten_Wieking

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Re: Kartonmodelle umgestalten - eine kleine Anleitung für Einsteiger
« Antwort #12 am: 27. Dezember 2011, 22:07:15 »
Sehr schön geschrieben und dargestellt. Bin mir sicher, das nicht jeder die Verknüpfung zwischen "Kartonmodell in digitaler Form" und "Modifikation durch Grafikprogramm" automatisch macht. Lediglich mein letzter Ausflug in das Thema (eine australische Armidale-Klasse) hat mir aber mal wieder gezeigt, warum ich - wenn überhaupt - dann doch lieber mit Polystyrol arbeite ;-)

Gruß
Thorsten
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Bernd B.

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Korrektur - Schritt 8 - Aufbauwerk
« Antwort #13 am: 28. Dezember 2011, 11:42:58 »
Ah, eine Korrektur ... im Schritt 8 habe ich einen Fehler gefunden. Und zwar die Dachkante.

Wer aufgepasst hat, dem wird latürnich aufgefallen sein, dass die gar nicht gerade sein kann, sondern der Dachform folgen muss. Also einen Bogen beschreiben sollte. Oooops! Hier also das korrigierte Teil, das dann auch in die Modelle eingebaut wurde: